Digitalisierung vor Ort – Wunsch und Wirklichkeit

Die Digitalisierung kann man sich vielleicht wie einen großen Fluss vorstellen. Der Strom ist nicht aufzuhalten und sucht sich seinen Weg, manchmal sogar einen neuen nach Hochwasser. Gleichzeitig bildet er aber auch viele Nebenarme und versorgt das gesamte Umland. Genauso lässt sich die Digitalisierung nicht aufhalten und durchdringt alle unsere Lebensbereiche.

Für viele ist allein der Begriff mittlerweile schon negativ belegt. Die Änderung vertrauter Strukturen ist nicht immer einfach oder für jeden eine direkte Verbesserung. Aber hat es jemals Zeiten gegeben, in denen sich nichts geändert hat? Da wir die Prozesse des Fortschritts nie aufhalten können, sollten wir Sie in unserem Sinne und zu unserem Nutzen gestalten.

Wirklichkeit

Sonst geht es uns laufend so wie vor vier Monaten: der Corona-Lockdown überflutet uns wie ein Digitalisierungshochwasser und zwingt uns plötzlich zur Nutzung digitaler Kommunikation in nie gekanntem Ausmaß. Heimbüro und Heimunterricht? Wer hätte nur kurz zuvor geglaubt, dass das plötzlich Realität wird?

Im Heimbüro haben alle gemerkt, wie wichtig der Breitbandausbau tatsächlich ist. Obwohl gegen den Rat aller Experten seinerzeit die Teilnehmerquoten für den Ausbau oft nicht erreicht wurden, hat die Verwaltung hier gut umgesetzt – Vorsorge, wie sie im Buche steht.

Für die Waldnieler Schulen lässt sich rückblickend sagen, dass die Umstellung noch vergleichsweise flott und sinnvoll geklappt hat. Aber deutlich wurde und ist es nach wie vor: Die Möglichkeiten, die sich heute schon bieten und längst hätten vorbereitet sein können, werden noch nicht genutzt. Anfangs erhielten die Kinder Dateien, die sie ausdrucken, ausfüllen, wieder einscannen oder fotografieren und zurückmailen mussten. Inzwischen sind für die papierlose Verarbeitung vermehrt elektronische Dokumente im Einsatz und Download-Bereiche etabliert, aber direkter Unterricht über digitale Plattformen oder neue mediale Lernformen, also der aktuelle Stand der Technik, stehen noch nicht bereit. Hier hinken ausgerechnet unsere Kinder hinterher – wir müssen also unbedingt aufschließen und den Bildungsbereich sowohl technisch als auch personell befähigen, zeitgemäß arbeiten zu können. Schulangelegenheiten sind allerdings Ländersache, da kann man kommunal nicht viel ausrichten.

Der digitale Hausmeister

Aber ein Schulhausmeister ist Angestellter der Kommune. Wir wollen daher eine zweite Hausmeister*innen-Stelle schaffen: Schwalmtals Schulen brauchen einen digitalen Hausmeister. Er kümmert sich um Hardware- und Software-Angelegenheiten vor Ort. Dazu muss man wissen: die Schulen werden in Kooperation mit dem kommunalen Rechenzentrum des Kreises betreut. Der digitale Hausmeister wäre also der Vermittler vor Ort zwischen Rechenzentrum, Lehrern und Schülern – und kümmert sich natürlich laufend um einwandfreien Betrieb der Hardware-Strukturen.

Schüler sind schnell Experten – setzt sie ein!

Eine besonders interessante Idee wäre es auch, die Schüler selbst einzubinden, z. B. in Form von Projektgruppen für Datenschutz, Netzwerkbetreuung, Sicherheit, … wenn Schüler Verantwortung übernehmen dürfen, verhalten sie sich auch verantwortlich. Eine Projektgruppe zum Thema Kinder- und jugendgefährdende Inhalte brächte also mit Sicherheit mehr Lerneffekt und höhere Effizienz als nur automatisierte Filter, die von den Kids schneller umgangen werden als wir sie updaten können. Besser wäre, sie würden sich mit ihren eigenen Waffen selbst schlagen. Das kann eine Anregung für die Schulen sein oder seitens der Gemeinde an kommunalen Lernorten organisiert werden.

Digitale Verwaltung

In der Verwaltung fehlt es auch noch an wesentlichen Voraussetzungen für digitale Prozesse. Ein kleines Alltagsbeispiel: ein biometrisches Passfoto für den neuen Reisepass kann ich nicht als Datei online übermitteln. Ich muss einen Ausdruck anfertigen, zum Rathaus bringen und dort wird er dann – eingescannt! Um ihn als Datei weiterverarbeiten zu können …

“E-Government”, also digitale Verwaltung, muss natürlich viel tiefer und weiter greifen. Die Vorbereitungen in Bund und Ländern laufen bereits – international gesehen mit reichlich Verspätung – also ist dringender Handlungsbedarf erkennbar. Andere Kreisgemeinden nehmen daher bereits am interkommunalen Kooperationsprojekt zum Prozessmanagement teil (Grefrath und Niederkrüchten).

Die Komplexität und der hohe Rang der anstehenden Aufgaben erfordert meines Erachtens einen eigenen Fachbereich. Der sollte übrigens gleich Erfahrungen und Know How mit Bürgern und kleinen Unternehmen in Workshops teilen – denn hier fehlen oft personelle oder finanzielle Mittel, um bei der Digitalisierung konkurrenzfähig zu bleiben.

Ich glaube, wir sind uns alle einig – es wartet noch eine Menge Arbeit auf uns, bis wir auch in Schwalmtal von erfolgreicher Digitalisierung sprechen können.

Hier noch einige weitere konkrete Ideen dazu:

  • Verwaltungsakte für Bürger vereinfachen: das heißt weniger und einfachere Behördengänge.
  • Endlich eine neue Website für schwalmtal.de, die auch Verwaltungsakte weitgehend ermöglicht
  • interne Verwaltungsvorgänge effizienter machen: die Verwaltung gewinnt Kapazitäten für wichtige Kernaufgaben.
  • Bürgerbeteiligung über digitale Plattformen: Sämtliche Bauprojekte und Planverfahren können heute schon transparent und mit weitreichenden Beteiligungsmöglichkeiten vorgestellt werden. Ein gutes Beispiel ist die Plattform Planportal, die bereits von vielen Kommunen in NRW eingesetzt wird.
  • eine Bürger*innenkarte inkl. Bonus- und Gutscheinsystem vereinfacht und fördert den Zugang zu allen öffentlichen oder kulturellen Angeboten bis hin zu Vereinen und bindet enorm viel Kaufkraft hier im Ort – die Voraussetzung für ein funktionierendes Gemeinwesen.
  • Die Öffentlichkeitsarbeit der Kommune sollte auch über alle wesentlichen Messenger-Systeme laufen
  • freie WLAN-Netze müssen an allen öffentlichen Orten, in allen Ortsteilen und auch in Flüchtlingsunterkünften eine gute Grundversorgung mit mobilen Daten sicher stellen.

Potenziale analysieren

Ich bin der Meinung, Schwalmtal kann es sich nicht mehr leisten, wichtige Entwicklungen erst umzusetzen, wenn sie sich gar nicht mehr vermeiden lassen. Das Spardiktat der vergangenen Jahre war im Ursprung notwendig wegen hoher Verschuldung, hat aber auch viel Potenzial außer Acht gelassen und Entwicklungen gehemmt, die uns früher aus dem Defizit hätten führen können – die Digitalisierung ist hier ein Paradebeispiel. Wenn Investitionen nur als Ausgaben gerechnet werden, fehlt das Ergebnis, das sie erzielen müssen. Mit konsequenter Potenzialanalyse können die Schwerpunkte identifiziert werden, die uns wirklich weiterbringen – was Unternehmen können müssen, kann für eine Kommune ja nicht ausgeschlossen werden.

3 Kommentare zu „Digitalisierung vor Ort – Wunsch und Wirklichkeit“

  1. Rainer Lechtenbörger

    Mein letzter Kommentar ist verstümmelt wiedergegeben worden. Die Ursache vermute ich in nicht erlaubten Sonderzeichen („spitze Klammern“). Deshalb hier noch einmal der nun hoffentlich vollständige Kommentar:

    Ich finde diesen Beitrag gut und notwendig. Einwände und Vorschläge habe ich zu diesen Punkten:

    „Eine besonders interessante Idee wäre es auch, die Schüler selbst einzubinden, z. B. in Form von Projektgruppen für Datenschutz, Netzwerkbetreuung, Sicherheit, … wenn Schüler Verantwortung übernehmen dürfen, verhalten sie sich auch verantwortlich. Eine Projektgruppe zum Thema Kinder- und jugendgefährdende Inhalte brächte also mit Sicherheit mehr Lerneffekt und höhere Effizienz …“

    Den Gedanken kann ich nachvollziehen. Unklar ist mir, wie sich Schüler mit Kinder- und jugendgefährdenden Inhalten befassen sollen, ohne diese je zu Gesicht zu bekommen.

    „auch in Flüchtlingsunterkünften“

    Erweitern würde ich um „auch in Obdachlosenheimen und Flüchtlingsunterkünften“

    1. Danke für den Kommentar!
      Zu der Idee, Schüler selbst jugendgefährdende Inhalte bekämpfen zu lassen:
      Projektgruppen wären wie Klassen nach Alter gebildet. Natürlich wären bei diesem Projekt grundsätzlich eher ältere Jugendliche gefragt.
      Selbst entwickelte Filter müssten an eigenen (nicht gefährlichen) Beispielen getestet werden. Wenn Sie dann scharf gestellt werden, sehen die Jugendlichen nur die Statistiken – z. B. der digitale Hausmeister steht ja dahinter.
      Aber Ihre Frage wäre schon ein perfekter Einstieg für eine solche Projektgruppe: wie schützt sie sich selber? Wovor genau, und warum? Die Antworten auf diese Fragen dürften bei vielen schon dazu führen, die eigenen Geräte und somit das eigene Hirn vor schädlichen Inhalten zu schützen.
      Ich schließe natürlich nicht aus, dass IT-Experten bessere Wege kennen oder generell viel bessere Ideen entstehen, idealerweise von den Kindern selbst – für mich steht allerdings fest, dass die Beschäftigung mit einem Problem immer Lösungen findet. Das ist viel besser, als vor Mitschülern mit Schock-Videos angeben zu wollen, oft ja nur, weil das Problem gar nicht bewusst ist.

      Wir haben in Schwalmtal keine Obdachlosenheime. Es sind Personen in Gemeindewohnungen untergebracht – die sollten generell über Kommunikationsanschlüsse verfügen, da stimme ich voll zu.

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