Neue Mobilität? Zum Verkehr in Schwalmtal

Fahrradluftpumpe

„Weil Mobilität jeden mitnehmen muss“ – so schreibt es die CDU Schwalmtal auf ein Bild und teilt damit in den sozialen Medien ihre Forderung nach „Fahrradluftstationen für Schwalmtal“

Hm. Wenn ich mir eine Familie ohne Auto vorstelle – wird sie jetzt auch mitgenommen in Sachen Mobilität? Weil sie endlich auf die Luftpumpe am Rad verzichten kann und hier und da in Schwalmtal ihre Fahrradreifen aufpumpen kann? Es gab auf diesen Beitrag dann auch einige Kommentare, die m. E. zu recht darauf hinwiesen, dass eine solarbetriebene Fahrradluftpumpenstation jetzt nicht der große Wurf sei, der uns im wahrsten Sinne des Wortes den Weg ebnet zu moderner Mobilität – und die sollte sicher sein, gut verfügbar, bedarfsgerecht und klimafreundlich.

Und ich lese ebenfalls von der CDU, dass ein Mobilitätskonzept für Schwalmtal unangemessen sei, denn die übergeordneten Verkehrsströme müssten beachtet werden. (In diesem Beitrag unter dem Punkt „Verkehrspolitik“.)

Bedenkt man aber, welchen enormen Platzverbrauch, welche immensen Kosten, wie viele Gefahren und wie viel Lärm und Dreck der Verkehr direkt in unserem Ort verursacht, dann wird deutlich, dass es um weit mehr geht als um „Verkehrsströme“. Die Tatsache, dass wir so hohe Einbußen für den Verkehr hinnehmen, zeigt, wie wichtig er für unser Leben ist. Also: machen wir das Beste draus, unterwegs zu sein oder transportieren zu wollen, bzw. zu müssen. Und zwar hier vor Ort, daher bin ich absolut sicher, dass wir unbedingt ein Mobilitätskonzept für Schwalmtal brauchen. Und das beschäftigt sich idealerweise genau mit den Problemfaktoren, die der Verkehr von uns fordert: Platzverbrauch, Kosten, Gefahren, Lärm und Dreck.

PLATZVERBRAUCH

Warum brauchen wir so viel Platz für unseren Verkehr? Nun, dafür gibt es mehrere Gründe: Der Individualverkehr wird bisher von uns großzügig ausgelegt, d. h. die meiste Zeit fahren wir in viel größeren Autos als nötig. Und die meiste Zeit stehen diese Autos rum (es sind tatsächlich im Durchschnitt 95 % der Zeit, also 23 Stunden am Tag). Wenn das Auto nicht zu Hause steht, dann steht es auf einem Parkplatz – im Ort oder auf Parkplätzen von Firmen. Fahren Sie mal spät abends durch Schwalmtal und zählen Sie in Ihrer Vorstellung die Parkplätze zusammen, die jetzt leer stehen. Wenn wir nur mal annehmen, die meisten Kunden könnten mit dem Rad einkaufen und bekämen die Waren geliefert: die Autos, die übrig blieben, bräuchten viel weniger Parkflächen. Zusätzlich bräuchten wir vielleicht Shuttle-Busse in Zentren mit Anbindung zu Park&Ride-Parkplätzen, um die Zahl der Autos innerorts zu verringern. Parkplatzsuche? Vorbei. Oder Ruf-Taxis mit Linientakt für die Außenbezirke, wo Busse sich nicht lohnen.

Auf einmal hätten wir sehr breite Straßen, denn so mancher Parkstreifen wäre ja gar nicht mehr nötig. Was für eine Gelegenheit für Geschäfte, daraus was zu machen! Was für eine Erleichterung für Fußgänger und Radfahrer, die dank Vor- oder Gleichrang nicht nur einen meterbreiten Bürgersteig nutzen können, sondern die ganze Straße.

Fahrradstraßen oder ausgeprägte Fahrradspuren sollen das Radfahren attraktiver machen und zugleich auch sicherer machen. Vor allem die Schulwege unserer Kinder – ob als Fuß- oder Radweg – sind uns hier ein Anliegen. Hier habe ich schon einmal über das Thema ‚Radfahren und Sicherheit‘ geschrieben und einige konkrete Maßnahmen benannt.

KOSTEN

Mal angenommen, sie kämen ohne eigenes Auto aus. Der einfachste Smart kostet laut ADAC ca. 380 €/Monat, ein sehr einfach ausgestatteter Golf 500 €/Monat. Gerechnet sind hier alle Kosten bei Neuanschaffung. Nehmen sie eine Gebrauchtanschaffung und schätzen wir einfach mal großzügig, sie haben 30 % weniger Wertverlust – bleiben gute 350 € monatlich für einen Mittelklassewagen. Bei einer Stunde Nutzung am Tag!

Wir alle wissen: es gibt eine Menge Menschen, für die eine Durchschnittsberechnung nicht zutrifft. um die geht es aber gar nicht. Wer beruflich ein Auto braucht, 100.000 km/Jahr oder mehr fährt, der findet derzeit keine Alternative. Aber wären diejenigen nicht alle besser, staufreier und schneller unterwegs, wenn die eigentlich unnützen Fahrzeuge schon mal von der Straße wären? Für diese Nutzer können wir lokal Alternativen schaffen – platzsparender, sauberer und mit ein paar Hundert Euro mehr in der Tasche (OK, ein Teil davon geht für die Nutzung der Alternativen drauf). Welche Alternativen? Pedelecs, E-Bikes, Shuttle-Busse in engem Takt durch Zentren, Ruftaxis, Car Sharing …

Das waren aber nur die privaten Kosten. Die kommunalen Kosten für den Individualautoverkehr sind ja auch hoch. Die Gemeinde Schwalmtal investiert laut Haushaltsplan für 2020 ca. 3,5 Mio. €  in Bau und Unterhaltung von Verkehrsflächen und ÖPNV. Unterhaltskosten mit direktem PKW/LKW-Bezug liegen sicher im Bereich von 500.000 bis 1 Mio. €/Jahr. Bei Verringerung des Verkehrs, bzw. effizienterer Nutzung aller Verkehrswege fallen auch geringere Schäden an – ein Radfahrer verursacht weniger Straßenschäden als ein tonnenschweres Auto, ein effizient genutztes Sharing-Auto ebenso. Die Kosten, die wir hier sparen, können in die Bereitstellung attraktiver Alternativen zum Auto fließen.

GEFAHREN

Fahrrad liegt verunfallt auf Straße, umrahmt von zwei PKW und einem Polizeiwagen

Warum fahren Eltern ihre Kinder zur Schule? Laut einer ADAC-Studie gehören zu den Hauptgründen mangelnde Verkehrssicherheit und die Angst vor Belästigung und Bedrohungen auf dem Schulweg. Wer selbst mal versucht hat, morgens zwischen 7.30 und 8 Uhr einen Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zu nehmen, wird feststellen, dass wir auch in Schwalmtal Gefahrenpunkte kennen, die es in sich haben. Wir haben als Fraktion Bündnis90/DIE GRÜNEN bereits mehrfach darauf aufmerksam gemacht und z. B. für wichtige Straßenquerungen zusätzliche Markierungen vorgeschlagen oder dem Beispiel vieler anderer Kommunen zu folgen und innerorts die Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h zu setzen. Solche Maßnahmen könnten es vielen Schülern erleichtern, den Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zu machen.

Eine gute Idee für die dringend nötige Verbesserung der Verkehrssituation an der Grundschule Waldniel wären Elternhaltestellen mit „Kiss and Go“-Zone. Zum Beispiel im Bereich Zoppenberg oder Heerstraße müsste geprüft werden, ob sich solche Haltestellen einrichten ließen. Eine weitere wichtige Ideen könnten weitere Fußbusse sein, wobei sich Kinder in Wohngebieten an Haltestellen treffen und begleitet in Gruppen den Schulweg antreten können.

Generell sollte der Verkehr Vorrang für schwache Verkehrsteilnehmer bieten: Fußgänger, und hier insbesondere die ganz jungen und ausdauernd gereiften, sowie Fahrradfahrer. Das würde bei einer Umorientierung weg vom zu großen Auto, hin zu den beschriebenen Alternativen automatisch greifen.    

LÄRM und DRECK

Wir werden mit der Ansiedlung eines Logistikparks auf dem ehemaligen Rösler-Gelände und der zur Zeit beabsichtigten Anlage eines Hotel Resorts auf der ehemaligen Kent-School in Hostert zwei große Betriebe dazugewinnen, deren Verkehr zusätzlich einzuplanen ist – inklusive Lärmschutzmaßnahmen. Der Logistikpark plant mit ca. 750 LKW-Fahrten am Tag, hinzu kommt der Individualverkehr der Mitarbeiter. Hier sollten von Beginn an Lösungen konzipiert werden, den innerörtlichen Verkehr möglichst zu entlasten. Auch hier sind Shuttle-Busse für die entsprechenden Schichtwechsel eine interessante Variante: 10 Personen mit einer Fahrt, das spart enorm viel Dreck und Lärm.

Insgesamt leben wir in einer Zeit, die geprägt ist vom Wechsel zu emissionsfreien Antrieben. Die Infrastruktur vor Ort muss vorgesehen werden, daher müssen wir Ladesäulen weiter ausbauen und Photovoltaikflächen schaffen, wo immer es möglich ist.

Ich möchte auch nochmals deutlich machen: es geht nicht darum, der jetzigen Mobilität Grenzen zusetzen, den jetzigen Möglichkeiten etwas zu nehmen. Es geht viel mehr darum, die jetzige Mobilität in ihren Möglichkeiten zu erhalten, aber mit anderen Mitteln weniger dreckig, weniger laut, günstiger und platzsparender umzusetzen. Wenn wir dann auch noch alle sicherer sind und unsere Kinder ohne Sorgen zur Schule laufen lassen können, wäre viel gewonnen.

Mobilitätskonzept

Um die genannten Ziele zu erreichen, brauchen wir ganz sicher ein Mobilitätskonzept – als zentrales Instrument des kommunalen Mobilitätsmanagements. Es muss die Bereiche Individualverkehr, Fuß- und Radverkehr, ÖPNV und innovative Mobilität abdecken.

Es reicht aber nicht, diese Bereiche linear nacheinander abzuarbeiten. Die Anforderungen an die Mobilität haben sich geändert, das Mobilitätsverhalten der Menschen auch – es ist deshalb wichtig, in einem solchen Konzept einen ganzheitlichen Ansatz zugrunde zu legen: Es geht nicht nur um Verkehr. Es geht um Verkehr, Ortskernentwicklung und Umweltschutz, es geht eben auch um Klimawandel, demografischen Wandel und Ressourcenverbrauch.

Wo liegen die Stärken und Schwächen der Mobilität in Schwalmtal? Wie kann eine nachhaltige Mobilitätsentwicklung in Schwalmtal gefördert werden? Welche Maßnahmen könnten die Verkehrsentwicklung in Schwalmtal positiv beeinflussen?

Diese Fragen müssen wir uns stellen und zusammen mit der Politik, der Verwaltung, den Verkehrsunternehmen und allen anderen Mobilitätsdienstleistern und vor allem allen Bürger*innen Schwalmtals diskutieren.

Mir und meiner Fraktion geht es darum, in Schwalmtal sämtliche Maßnahmen zu unterstützen, die den herkömmlichen Verkehr verringern und unseren Ort für den Fuß- und Radverkehr attraktiver und vor allem sicherer machen. Wir sind für mehr E-Bike-Ladestationen und ja – wir würden dann auch einem Antrag auf solarbetriebene Fahrradluftstationen zustimmen.

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